Annette Kögel ist Redakteurin des Tagesspiegels und Mitbegründerin des Medienprojektes "Paralympics Zeitung" der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und des Tagesspiegels. Sie schreibt hier monatlich einen Blog-Beitrag, der ihre eigene Meinung wiedergibt.

Meine Paralympics - Der Blog mit Annette Kögel

Vom Sitzski an die Schultafel

Annette Kögel wäre gerne von Anna Schaffelhuber unterrichtet worden.
Vom Sitzski an die Schultafel
Foto: picture alliance
09. Januar 2020

Das hätte ich nicht erwartet, dass ich mich mal so über ein Karriereende mitfreuen würde.Eigentlich wird man als Sportfan ja oft sentimental, wenn einer oder eine der Großen denRücktritt erklärt. Doch dass Paralympics-Star Anna Schaffelhuber nun dabei ist, sich an einen neuen Lebensrhythmus zu gewöhnen, der nicht vom Training bestimmt ist, das freut mich sehr. Weil auch das Leben nach dem Sport ein erfülltes und anders beseelendes sein kann.

In der Zeit vor den Winterparalympics in Sotschi 2014 hatte ich die junge Ausnahmeathletin kennengelernt. Selbst Technikprobleme am Startmessstab, wegen derer sie einen Lauf sogar wiederholen musste, steckte sie professionell weg. Zuletzt gratulierte Schaffelhuber auch öfter Anna-Lena Forster, wenn diese den Turbo auf dem Monoski einschaltete.

Jetzt sind Zeilen im „Oberbayerischen Volksblatt“, dem „Münchner Merkur“ und der „Wasserburger Zeitung“ online zu lesen, die ihren neuen Kurs im Leben nachzeichnen. Zwölf Jahre lang also Leistungstraining, mit Saisonvorbereitungen meist Ende August. Und jetzt? Es ist für sie natürlich ungewohnt, im November noch nicht im Schnee gewesen zu sein, erzählt Anna Schaffelhuber den Journalistenkollegen in Bayern. Nun holpert die mit einer inkompletten Querschnittlähmung geborene 26-Jährige im Rolli übers Mittelalterpflaster in der Altstadt von Wasserburg am Inn. Von dort kommt ihr Mann, und da absolviert die siebenfache Olympiasiegerin als angehende Lehrerin ihr Referendariat an der Anton-Heilingbrunner-Realschule.

„Das buckelige und holprige Mittelalterpflaster ist ein bissl blöd, da braucht man schon etwas mehr Kraft, aber das sind nur ein paar Teilstücke“, sagte die junge Frau mit elf WM-Titeln und sechs Gesamtweltcupsiegen den Lokalzeitungen. Generell sei die Barrierefreiheit in der Stadt im Landkreis Rosenheim gar nicht schlecht. In ihrer Schule könne sie im Altbau durch den Aufzug bis auf zwei Räume alle erreichen. Ein Lift fehle hingegen im Neubau: „Als ich hörte, dass hier der Aufzug nie eingebaut wurde, dachte ich nur: Hä?“, lautet ein so schön typisches Zitat. Zuletzt unterrichtete Schaffelhuber zwei achte Klassen, eine neunte kommt dazu; in Mathematik, Wirtschaft und Recht. Sie kennt sich aus damit, vor anderen zu sprechen, als Motivationsrednerin, aber nun nimmt sie natürlich auch junge Menschen dran, die sich melden.

Wie klasse, eine Lehrerin im Rollstuhl! Jetzt fehlen weitere wie sie und mehr barrierefreie Rathäuser, Theater, Kinos. Da müsse noch mehr passieren, findet auch sie. Aber klar, auch das braucht seine Zeit, weiß selbst eine schnelle Monoskiabfahrerin wie sie. Schön, dass Schaffelhuber „Grenzenlos-Camps“ für Kinder mit Behinderung anbietet. Sie wisse, dass alles geht, nur eben anders, sagt Anna Schaffelhuber oft. So soll es sein: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.


Annette Kögel ist Mitbegründerin der Paralympics Zeitung von Tagesspiegel und DGUV und schreibt hier jeden ersten Mittwoch im Monat.