Vorbild und Botschafter: Sportlich erfolgreich, sozial engagiert
Wenn Josia Topf nach Singapur zu seiner dritten Para Schwimm-WM reist, sind die Erwartungen ganz andere, als noch bei den Weltmeisterschaften zuvor. Denn inzwischen ist der 22-Jährige nicht nur Paralympics-Sieger, sondern dazu ein bekanntes Gesicht im Para Sport – und darüber hinaus. Doch der Jura-Student will sich vom Trubel nicht beeinflussen lassen und weiter konsequent seine Ziele verfolgen. Sowohl sportlich als auch gesellschaftlich.
„Man muss immer wissen, was man möchte“, betont Josia Topf, wenn es um mediale Auftritte geht. Denn der Paralympics-Star bekommt inzwischen einige angeboten und ist nach seinem herausragenden Dreifach-Medaillen-Erfolg 2024 in Paris besonders gefragt. Kein anderer deutscher Para Sportler war bei den Spielen so erfolgreich. Die neue Aufmerksamkeit nutzt Josia Topf, um sich einzusetzen für den Para Sport und Inklusion. Zudem studiert der 22-Jährige Jura an der Universität in seiner Heimatstadt Erlangen. Es ist also viel, was Josia Topf bewegen möchte, in der Gesellschaft und vor allem im Wasser. Denn am meisten Spaß macht ihm weiterhin das Schwimmen.
Die große Leidenschaft für den Sport begann schon früh. Mit sechs Jahren lernte Josia Topf, der mit dem TAR-Syndrom geboren wurde und somit keine Arme und unterschiedlich lange Beine hat, im Sommerurlaub in Spanien das Schwimmen von seinem Vater. Ab da begann die Liebe zum Sport und er verbrachte unglaublich viel Zeit im Wasser. Das beeindruckt auch die Bundestrainerin im Para Schwimmen nachhaltig. „Josia ist ein Sportler, der von klein auf seinen Weg gegangen ist. Als Bundestrainerin kenne ich ihn schon seit vielen Jahren und es ist einfach wunderbar, seine Entwicklung verfolgen zu dürfen", schwärmt Ute Schinkitz. Neun Jahre später schwamm der Erlangener schon bei den Europameisterschaften 2018 mit und holte mit der 4x50 Meter Freistil Mixed-Staffel seine erste Bronze-Medaille. „Das werde ich nie vergessen, ich war so stolz auf mich“, erinnert sich Josia Topf rückblickend. „Bei der EM hatte ich das Gefühl, dass ich jetzt eine Brücke überschritten habe. Also, dass ich richtig im Team angekommen bin und Deutschland repräsentieren darf. Das war ein großartiges Gefühl“, berichtet Topf weiter.
Zwischen Rückschlägen und weiteren Karriere-Highlights
Der damals 15-Jährige lernte danach jedoch schnell, dass zum Leistungssport nicht nur Erfolge gehören: „Die WM ein Jahr später war einer meiner größten Rückschläge“. Die erhoffte Medaille blieb aus, Josia Topf schaffte es auch nicht in jedem Wettbewerb ins Finale. „Das hat mir gezeigt, dass der Leistungssport nicht immer nur Rosen bereithält, sondern dass man auch kämpfen und gut trainieren kann und es am Ende trotzdem nicht reicht. Dann kann man entweder den Kopf in den Sand stecken oder man steht wieder auf und fängt von vorne an“, sagt Josia Topf. Der Erlangener wusste auch hier, was er will. Er machte konsequent weiter, trainierte noch härter – und wurde erfolgreicher. Bei seiner Paralympics-Premiere 2021 in Tokio schaffte er es drei Mal in die Top acht, ein Jahr später gab es den ersehnten ersten Medaillen-Erfolg bei einer WM mit Silber über 150 Meter Lagen.
Und es ging weiter Auf und Ab: Die nächsten Weltmeisterschaften 2023 und damit die Generalprobe für die Spiele in Paris musste Topf von zu Hause verfolgen. Eine hartnäckige Krankheit zwang ihn zum Zuschauen. Doch dann kam es zum großen Karriere-Highlight bei den Paralympics 2024 – und wie. „In Paris lief es für Josia nahezu perfekt, seine Ausbeute war großartig. Hätte er die WM 2023 nicht krankheitsbedingt verpasst, dann hätte er sich dort schon den Lohn für seine harte Arbeit abgeholt, da bin ich mir sicher", betont Bundestrainerin Ute Schinkitz. Für Josia Topf waren die Spiele eine unvergessliche Erfahrung: „Paris war ein unglaubliches Erlebnis, mir fällt es schwer, das zu beschreiben. Die Atmosphäre, die Leute, die Stimmung vor Ort. Es war einfach gigantisch.“
Nach Hause kehrte er mit einem kompletten Medaillensatz zurück: Bronze über 50 Meter Freistil, Silber über 50 Meter Rücken und Gold über 150 Meter Lagen. Das Interesse der Öffentlichkeit an dem Erlanger ist entsprechend gewachsen, schon kurz nach den Paralympics saß er mit Para Weitspringer Markus Rehm und der Para Kanutin Edina Müller bei Markus Lanz. In der TV-Show sprach Topf sowohl über seine persönlichen Erfahrungen bei den Spielen als auch über den Para Sport im Allgemeinen und die Bedeutung von Inklusion für die Gesellschaft. Ein Statement, das über die Sendung hinaus nachhallte: „Es ist eine neue Generation von behinderten oder eingeschränkten Menschen. Wir fahren Auto, wir studieren, wir sind in der Gesellschaft angekommen. Im Para Sport gibt es Profi-Sportler, es gibt Idole. Es ist wichtig, dass diese neue Generation es in die Öffentlichkeit schafft, um den Menschen auch die Angst vor der Inklusion zu nehmen.“
Schon in den Jahren zuvor hatte sich Josia Topf öffentlich für mehr Inklusion eingesetzt, nach den Paralympics bekam er nun aber eine neue, deutlich größere Bühne dafür. Eine Chance und Herausforderung zugleich. Hier kommt es wieder darauf an: Man muss wissen, was man möchte. Josia Topf weiß es: „Auftritte wie bei Markus Lanz können schön und produktiv sein, wenn sie einem dem Ziel näherbringen, Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Behinderung abzubauen. Aber es gab auch viele, die Inklusion und mich nur zu einer Marke machen wollten. Und da muss ich die Grenze ziehen und sagen: Das bin nicht ich, wenn es darum geht, Nahrungsergänzungsmittel oder ähnliches zu verkaufen.“ Starke Worte, starke Haltung.
Der lange Weg zu mehr Inklusion
Diesem Leitsatz ist sich Josia Topf in diesem Jahr treu geblieben. 2025 war geprägt von vielen neuen Begegnungen. „Ich durfte mit sehr vielen interessanten Menschen in Kontakt kommen, die das Thema Inklusion voranbringen und vorleben wollen. Gemeinsam möchten wir einen Beitrag dazu leisten, viele unsichtbare Hürden abzubauen, die es in der Gesellschaft oft noch gibt“, betont der 22-Jährige. Dazu sei es vor allem wichtig, die Angst zu nehmen. Denn Menschen haben diese oft vor Dingen, die sie nicht kennen. „Wir haben uns lange nicht getraut, unser Handicap zu zeigen, aber inzwischen zeigen Menschen mit Behinderung vermehrt, was sie in der Lage sind zu leisten“, erläutert Topf. Der Weg zu mehr Inklusion in der Gesellschaft sei zwar weiterhin ein weiter und alles andere als einfach, allerdings wären Fortschritte deutlich erkennbar. Doch Josia Topf warnt auch vor Rückschritten. Ein Beispiel: „LA 2028 werden die ersten Spiele mehreren Jahrzehnten sein, bei denen olympische und paralympische Athleten in unterschiedlichen Hallen schwimmen.“ Es gibt also noch viel zu tun für Josia Topf und alle, die sich für mehr Inklusion einsetzen.
Jetzt stehen jedoch erstmal die Weltmeisterschaften in Singapur im Fokus (einen Vorbericht zur Para Schimm-WM gibt es hier). „So schön und prägend die Begegnungen in diesem Jahr für mich waren, sie haben mich aber auch wieder zum Schwimmen zurückgeführt, weil ich gemerkt habe, dass das meine große Leidenschaft ist. Und diese will ich noch so lange auskosten, wie es geht“, betont Topf. Nach dem Erfolg in Paris haben er und sein Team in diesem Jahr versucht, an einigen Stellschrauben zu drehen. Größtenteils mit Erfolg. Dazu gehört etwa eine beweglichere Technik mit mehr Steuerung vom Kopf und einer Wellenbewegung, die aus dem Oberkörper kommen soll. Bisher ging die Strategie auf. Bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in diesem Jahr in Berlin stellte Topf einen neuen deutschen Rekord über 200 Meter Schmetterling in seiner Startklasse SB3 auf.
Der Ausblick auf Singapur ist also ein zuversichtlicher, wenn auch kein übermutiger. „Man hofft natürlich auf eine Medaille, aber die Konkurrenz kann ich nicht beeinflussen. Dementsprechend schaue ich erstmal nur auf mich. Mein primäres Ziel ist es daher, eine neue persönliche Bestzeit zu schwimmen – ob das dann für eine Medaille reicht, wird man sehen“, sagt Josia Topf. Es ist eine klare Zielsetzung, die wieder zeigt: Man muss wissen, was man will. Auch hinsichtlich der inneren Zufriedenheit. Für Josia Topf gilt das im Para Sport wie im Leben.
Text: Paul Foreman / DBS
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