WM

„Die Motivation könnte nicht größer sein“

Am Sonntag starten die Weltmeisterschaften im Para Schwimmen in Manchester (31. Juli bis 6. August). Das deutsche Team, das in Großbritannien aus 13 Athletinnen und Athleten besteht, hatte bislang keine leichte Saison: Erkrankungen und Verletzungen setzten der Mannschaft zu. Doch ein Jahr vor den Paralympics ist das Ziel in Manchester klar: Medaillen verteidigen und wichtige Startplätze für Paris erkämpfen.
„Die Motivation könnte nicht größer sein“
Verena Schott Foto: © Ralf Kuckuck
27. Juli 2023

„Schwimmer werden im Winter gemacht“, ist ein bekanntes Sprichwort, das Trainerinnen und Trainer im Schwimmsport gerne verwenden. Damit soll verdeutlicht werden, wie wichtig es für die Athletinnen und Athleten ist, in der Zeit vor den Wettkämpfen Grundlagen zu schaffen: Viele Trainingskilometer werden im Idealfall geschwommen, zudem die Körper im Krafttraining gestählt. Soweit die Theorie. In der Praxis sieht das aber oft anders aus: „Die Medaillengewinner von Madeira hatten in diesem Jahr die eine oder andere Herausforderung“, sagt Bundestrainerin Ute Schinkitz.

Taliso Engel lässt sich nicht entmutigen

So liegen hinter Taliso Engel, dem Paralympics-Sieger über 100 Meter Brust (SB13) von Tokio, der über die gleiche Distanz 2019 und 2022 WM-Gold gewann, harte Monate: Eine Mittelohrentzündung samt Riss des Trommelfells im rechten Ohr „hat ihn physisch und mental schon zurückgeworfen“, sagt Schinkitz. Nachdem Engel bereits im vergangenen Jahr wegen seiner Abitur-Prüfungen kürzertreten musste, wollte er laut Schinkitz 2023 „richtig angreifen“, also viele Kilometer schwimmen. Doch dann musste der 20 Jahre alte Schwimmer der SG Bayer fast den ganzen Januar aussetzen. Auf seinem rechten Ohr hört er zudem immer noch nichts. „Aber Taliso lässt sich zum Glück nicht entmutigen“, sagt Schinkitz. Bei den Finals in Berlin schwamm der Paralympics-Sieger die 100 Meter Brust bereits wieder unter 1:04 Minuten.

Auch Tanja Scholz (S4), die bei ihrer ersten WM auf Madeira sensationell drei Mal Gold und zwei Mal Silber gewann, hat seit März gesundheitliche Probleme. Bei ihr gehe es aber „wieder in die richtige Richtung und die Trainingsergebnisse sind sehr vielversprechend“. Genauso bei Elena Semechin, die den Krebs vorerst besiegt und im Februar ihre Chemotherapie beendet hat: „Für sie ist es nochmal eine ganz andere Herausforderung zu schauen, wie ihr Körper auf das notwendige Training reagiert. Aber toi toi toi, sie ist auch sehr gut unterwegs“, sagt Schinkitz über die Paralympics-Siegerin von Tokio (100 Meter Brust, SB13), die trotz ihrer Krebstherapie 2022 WM-Silber gewann.

Nur erste und zweite Plätze sorgen für Paralympics-Startplätze

14 Edelmetalle gab es bei der WM 2022 für das deutsche Schwimmteam: vier Mal Gold, sechs Mal Silber und vier Mal Bronze – eine stattliche Ausbeute. „Diejenigen, die eine Medaille gewonnen haben, möchten das natürlich gerne wiederholen“, sagt Schinkitz. Das sei vor allem mit Blick auf die benötigten Paralympics-Startplätze für Paris 2024, sogenannte Slots, wichtig: Nur erste und zweite Plätze bedeuten Slots für das deutsche Team. Dabei zählt jede Athletin beziehungsweise jeder Athlet nur einmal.

Die Jagd nach guten Zeiten und Platzierungen in Manchester findet ohne Denise Grahl statt, die in Madeira zwei Bronze-Medaillen beisteuerte. Verena Schott, die bei den Paralympics in Tokio drei Edelmetalle gewann und auf Madeira fehlte, ist hingegen wieder dabei. „Sie möchte natürlich um die Medaillen mitkämpfen“, betont Bundestrainerin Schinkitz. Auch Gina Böttcher brennt auf die Wettkämpfe in Großbritannien: Wegen einer Corona-Infektion verpasste sie ihre Starts im Vorjahr, musste die meisten Tage in Funchal isoliert auf ihrem Hotelzimmer verbringen. „Gina ist bei den Finals Bestzeiten geschwommen. Die Motivation könnte nicht größer sein. Ich hoffe, dass sie das in positive Energie umsetzen und ihre Zeiten bringen kann.“ Malte Braunschweig, der bei der WM auf Madeira noch keinen Einzelstart hatte, „brennt förmlich darauf, bei den 100 Meter Schmetterling (S9) in das Geschehen eingreifen zu dürfen“.

Auch ein kleiner deutscher Fan-Block wird in Manchester vor Ort sein: Einige Eltern und Freunde der Schwimmerinnen und Schwimmer haben sich bereits angekündigt. Bundestrainerin Ute Schinkitz: „Wir freuen uns auf die Wettkämpfe und darauf, dass wir uns gut ein Jahr vor den Spielen in Paris auf hohem Niveau messen können.“

Text: Patrick Dirrigl / DBS

Das deutsche Team für die Para Schwimm-WM:
Gina Böttcher (22 / SC Potsdam / Brandenburg an der Havel), Malte Braunschweig (21 / Berliner Schwimmteam / Berlin) Johanna Döhler (12 / Berliner Schwimmteam), Taliso Engel (21 / SG Bayer / Lauf an der Pegnitz), Philip Hebmüller (16 / Neuss / Düsseldorfer SC), Neele Labudda (20 / Lübeck / Hanse-Schwimmverein Rostock), Maria Jeanne Maack (19 / Berlin / Berliner Schwimmteam), Tanja Scholz (38 / PSV Union Neumünster / Elmshorn), Verena Schott (34 / BPRSV / Greifswald), Elena Semechin (29 /Berliner Schwimmteam / Nowowoskresenowka (Kasachstan) ), Josia Topf (20 / SV Erlangen / Erlangen),  Justin Kaps (21 / Berliner Schwimmteam / Berlin) Maurice Wetekam (17 / SG Bayer / Dortmund)