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Goalball-EM: „Wer hat noch Urlaubstage übrig?"

Die deutschen Herren wollen nach der bitteren Enttäuschung in Tokio ins Halbfinale, die Damen streben als Wundertüte den Klassenerhalt an – Beide Teams mit neuen Gesichtern auf dem Feld und an der Seitenlinie.
Goalball-EM: „Wer hat noch Urlaubstage übrig?"
Joachim Sielski
02. November 2021

Die deutschen Herren wollen nach der bitteren Enttäuschung in Tokio ins Halbfinale, die Damen streben als Wundertüte den Klassenerhalt an – Beide Teams mit neuen Gesichtern auf dem Feld und an der Seitenlinie 

Dass vom 5. bis 12. November im türkischen Samsun die Goalball-Europameisterschaften stattfinden, haben die deutschen Teams erst vor einigen Wochen erfahren. Die Vorbereitung war entsprechend kurz und sicher nicht optimal, zudem sind einige neue Gesichter dabei – auf dem Feld und auch an der Seitenlinie. Für die Herren ist es das erste internationale Turnier seit dem bitteren wie unerwarteten Vorrunden-Aus bei den Paralympics in Tokio, für die Damen ist es gar der erste große Wettbewerb seit über zwei Jahren.
 
Der Stachel der Enttäuschung saß tief bei Deutschlands Goalballern. Statt in Tokio über die erhoffte Medaille zu jubeln, musste das Team das vorzeitige Ausscheiden hinnehmen. Möglich machte das eine völlig verrückte Gruppenkonstellation. Am Ende hatten alle fünf Mannschaften sechs Punkte auf der Habenseite – und Deutschland das schlechteste Torverhältnis. Viel bitterer kann man kaum ausscheiden. Die weiteren Gründe: eine harmlose Offensive, teils ungewohnte Fehler und Nachlässigkeiten, zwei angeschlagene Leistungsträger und wohl auch der eigene Erwartungsdruck. „Das Ausscheiden war sehr unglücklich, ohne dass wir es nachträglich schönreden wollen. Klar ist: Wir haben unsere selbst gesteckten Ziele nicht erreicht“, betont der neue Bundestrainer und langjährige Co-Trainer Stefan Weil, der nach dem geplanten Rücktritt von Johannes Günther dessen Nachfolge angetreten ist.

Die Paralympics waren ein herber Dämpfer. Dabei ging es in den vergangenen Jahren stetig bergauf für die deutschen Goalballer, die sich prächtig entwickelten und große Werbung für ihren Sport machten. Wer EM-Silber 2017, WM-Silber 2018 und den Titel bei der Heim-EM 2019 in Rostock gewinnt, darf auch von der Goldmedaille träumen und diese als Ziel formulieren. Doch in Tokio kam es völlig anders. Da verwundert es wenig, dass die ersten Amtshandlungen des neuen Bundestrainers vor allem aus vielen Einzelgesprächen bestanden. Dass wenige Wochen nach den Paralympics und eher überraschend in diesem Jahr noch eine Europameisterschaft auf dem Programm steht, die Auswirkungen auf die Weltmeisterschaft und damit auch auf die Paralympics-Qualifikation hat, stört da eher die Aufarbeitung der Tokio-Enttäuschung. „Seit meinem Amtsantritt am 1. Oktober sitze ich jeden Tag am Schreibtisch, um die EM erst organisatorisch und dann sportlich vorzubereiten“, berichtet Weil. Größte Baustelle: Die Zusammenstellung des Kaders. „Meine erste Frage war zunächst: Wer hat überhaupt noch Urlaubstage übrig?“

„Tokio war ein moralischer Knick für uns, wir sind aber immer noch eine richtig gute Mannschaft"

Denn die Nationalmannschaft bereitete sich akribisch und in vielen Lehrgängen auf die Paralympics vor, eine Europameisterschaft war da nicht präsent – weder im Kalender noch in den Köpfen. So muss Weil auf zwei von sechs Spielern aus dem Tokio-Kader verzichten: Thomas Steiger fällt beruflich aus, auch Felix Rogge steht nicht zur Verfügung. Einziger Nachrücker ist Philipp Tauscher, der sein internationales Debüt feiern wird. Einen weiteren Spieler nominierte Stefan Weil nicht, da die potenziellen Kandidaten aus unterschiedlichen Gründen die Reise nicht mit antreten können. „Wir haben trotzdem eine motivierte, junge Truppe mit dem Leitwolf Reno Tiede dabei. Auf dem Papier stark ersatzgeschwächt und dennoch ein funktionierendes Team mit sehr guten Spielern“, erklärt der neue Bundestrainer und fügt an: „Tokio war zweifellos ein moralischer Knick für uns, wir sind aber immer noch eine richtig gute Mannschaft, die völlig zurecht Vize-Weltmeister und Europameister geworden ist.“
 
Bei den Europameisterschaften in Samsun ist der Einzug ins Halbfinale das Ziel der deutschen Auswahl. Das würde gleichzeitig die sichere Qualifikation für die WM 2022 bedeuten und ist somit die erste Weichenstellung auf dem Weg nach Paris. Denn bei der WM gibt es die erste Möglichkeit, sich Tickets für die Paralympics 2024 zu sichern. Deutschland hat eine vermeintlich machbare Gruppe, trifft auf die Aufsteiger Montenegro und Griechenland sowie mit Finnland und Gastgeber Türkei auf zwei Teams auf Augenhöhe. „Wir gehen sicher nicht als Favorit ins Turnier, das dürfte die Ukraine sein. Wir müssen uns aber auch nicht klein reden – nicht wegen der Ausfälle und auch generell nicht. Auch ohne Vorbereitungslehrgang als Nationalmannschaft machen wir uns mit einem positiven Gefühl auf den Weg“, betont Stefan Weil vor der Reise in die Türkei, die vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat gefördert wird.

Eine Rückkehrerin und drei junge Debütantinnen bei den Damen: "Wissen nicht, wo wir stehen"

Deutschlands Goalballerinnen reisen als Wundertüte zur EM. Nach Überraschungs-Bronze bei der Heim-EM in Rostock beendeten zwei Spielerinnen ihre Nationalmannschaftskarriere und mit Jessica Bahr steht eine neue Cheftrainerin an der Seitenlinie. Und die erlebte einen denkbar schwierigen Start, als sie das Team kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 übernahm. „Wir durften sehr lange Zeit nicht trainieren und keine Lehrgänge absolvieren, zudem fehlen die Wettkämpfe und der internationale Vergleich. Wir wissen nicht, wo wir stehen“, sagt Bahr. Erst vor wenigen Wochen erlebte die Nationalmannschaft ihr erstes internationales Turnier seit der EM im Oktober 2019. „Wir haben eine neue Mannschaft und eine neue Trainerin. Zwar haben wir in den vergangenen Wochen im Rahmen unserer Möglichkeiten gut gearbeitet, doch wir sehen uns klar in der Underdog-Rolle, geben unser Bestes und lassen uns selbst überraschen, was möglich ist“, erklärt Bahr.
 
Fest steht: In der Gruppenphase trifft Deutschland auf Frankreich, Griechenland, Ukraine und den Paralympics-Fünften aus Israel. Erstes Ziel ist der Einzug ins Viertelfinale. „Für uns geht es um den Klassenerhalt“, sagt die deutsche Cheftrainerin. Mit Charlotte Kaercher, Partnerin von Herren-Nationalspieler Reno Tiede, hat sie eine Rückkehrerin in den eigenen Reihen, dazu auch drei junge Debütantinnen.

Die Spiele werden ab dem 5. November auf dem YouTube-Kanal der International Blind Sports Federation (IBSA) übertragen. Informationen gibt es auf der Turnier-Website.

Die deutschen EM-Aufgebote:
 
Damen: Annkathrin Denker (29, Lübeck, SSG Blista Marburg), Charlotte Kaercher (30, Heidelberg, RGC Hansa Rostock), Pia Knaute (25, Magdeburg, RGC Hansa Rostock), Jennifer Koch (18, Gunzenhausen, BVSV Nürnberg), Rauan Mardnli (20, Frankfurt, SpVgg Ilvesheim), Lisa Triebel (21, Pritzwalk, RGC Hansa Rostock).
 
Herren: Michael Dennis (29, Düren, SSG Blista Marburg), Fabian Diehm (24, Ansbach, BVSV Nürnberg), Oliver Hörauf (24, Bautzen, Chemnitzer BC), Philipp Tauscher (21, Leipzig, L. E. Sport), Reno Tiede (31, Rostock, RGC Hansa Rostock).