Markus Rehm jubelt mit Deutschlandfahne und "Thank You Steffi" Stirnband
WM

Para Leichtathletik-WM: Max Marzillier und Markus Rehm sind Weltmeister

NEW DELHI, INDIA - OCTOBER 3: Markus Rehm of Germany poses for a photo after winning the Men's Long Jump T64 at day seven of the World Para Athletics Championships New Delhi 2025 at Jawaharlal Nehru Stadium on October 3, 2025 in New Delhi, India. (Photo by Tom Weller/DBS)

400-Meter-Läufer Max Marzillier sprintete bei der Para Leichtathletik-WM in Neu-Delhi (Indien) mit einem fulminanten Schlussspurt zum WM-Titel, Weitspringer Markus Rehm sicherte sich seinen Legendenstatus und holte die 17. Goldmedaille seiner Karriere sowie den achten WM-Sieg in Folge. 100-Meter-Sprinter Marcel Böttger wurde mit Guide Alex Kosenkow Vierter, Kugelstoßerin Lisa Martin Wagner Fünfte.

5 Minuten Lesezeit veröffentlicht am 03. Oktober 2025

Es ist schon jetzt die Überraschung der Para Leichtathletik-WM: Dank eines fulminanten Schlussspurts sicherte sich Max Marzillier den Weltmeister-Titel über die 400 Meter in der Startklasse T13 der Athleten mit Sehbehinderung. Nach 100 Metern war der Athlet vom BPRSV aus Cottbus noch Sechster, nach 200 Metern Fünfter und eingangs der Zielgerade Dritter – dann überholte der 24-Jährige sogar noch den Favoriten aus Japan, Ryota Fukunaga, und sicherte sich in 49,00 Sekunden mit drei Hundertstel Vorsprung Gold und seine erste internationale Medaille.

"Das ist extrem surreal, das wird auch noch eine Weile dauern, bis das im Gehirn angekommen ist. Alle arbeiten darauf hin, sich irgendwann mal eine Goldmedaille umlegen zu dürfen und dass das jetzt in meinen jungen Jahren passiert, ist unbeschreiblich. Mir sind nach dem Zieleinlauf auch kurz die Tränen in die Augen geschossen, das passiert sonst nicht so häufig“, sagte Marzillier, der bei Lena Jurgeleit trainiert und in Neu-Delhi von Alina Müller betreut wird: „Das war so ein verrücktes Rennen, aber irgendwie hat es am Ende geklappt und das ist die Hauptsache. Ein dickes Dankeschön geht an meine Eltern und an meine Familie, die mich immer unterstützt haben, und an das Team hier sowie meine Trainerinnen. Nach einer schwierigen Vorbereitung und Problemen mit dem Knie bin ich jetzt einfach nur überglücklich – das ist deutlich mehr, als ich mir hätte erträumen können vor einem halben Jahr."

Anschließend wurde Marzillier von indischen Medien belagert – sie hatten sein Stirnband gesehen, auf dem in Hindi „Niemals aufgeben“ steht. Inspiriert hat ihn dazu Markus Rehms Trainerin und Ex-Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, die als Athletin auch Stirnbänder mit Bezug zum Gastgeberland trug und nach der WM als Trainerin aufhört. „Ich könnte sagen, dass das geplant war, sie mit dem WM-Titel zu verabschieden“, sagt Marzillier und lacht: „Aber das wäre eine dreiste Lüge. Klar habe ich auf die ersten Drei geschielt. Aber dass es so bombastisch ausgeht, hätte ich mir niemals erträumen lassen.“

Rehm springt auf 8,43 Meter und zum 17. Gold

Traumhaft wurde dann auch der Abschied von Steffi Nerius als Trainerin von Markus Rehm: Der Weltrekordhalter sprang schon im ersten Versuch auf 8,38 Meter und ließ noch 8,43 Meter folgen – das war 22 Zentimeter weiter als der starke zweitplatzierte US-Amerikaner Derek Loccident. Damit ist der 37-Jährige vom TSV Bayer 04 Leverkusen seit 2011 weiter ungeschlagen und holte sein 17. Gold insgesamt – ein schönes Abschiedsgeschenk für seine langjährige Trainerin und Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius. Die große Verbundenheit zeigte Rehm im letzten Versuch, bei dem er ein Stirnband mit der Aufschrift "Thank you Steffi" trug – und das ganze deutsche Team auf der Tribüne ebenfalls Stirnbänder für Nerius auspackte.

"So viele gemeinsame Jahre, so viele Jahre ungeschlagen – das ist wirklich unfassbar. Mir war heute ganz besonders wichtig, dass der letzte Wettkampf mit Steffi nochmal ein Riesenerfolg wird für uns als Team. Es ist umso schöner, dass es auch geklappt hat“, sagte Rehm und Nerius, die 2009 als Speerwurf-Weltmeisterin bei der Heim-WM in Berlin schon mal eine Karriere auf dem Höhepunkt beendete, ergänzte: „Ich bin einfach total stolz, weil es einfach ein super Wettkampf war. Es war das Ziel, direkt von Anfang an mit dem ersten Sprung fokussiert zu starten und eine ordentliche Weite hinzusetzen, um Sicherheit zu haben und einen schönen Wettkampf daraus zu machen. Das hat Markus super umgesetzt."

Künftig wird Weltrekordhalter Rehm in Amsterdam beim niederländischen Erfolgscoach Guido Bonsen trainieren, der unter anderem auch Fleur Jong trainiert, die doppelt unterschenkelamputierte Weltrekordhalterin über 100 Meter und im Weitsprung. Für den TSV Bayer 04 Leverkusen wird er nach wie vor starten: „Ich bin sicher, dass ich auf einen Kaffee und für einen Rat aber auch weiterhin bei der Steffi vorbeikommen darf.“

Platz 4 für Böttger/Kosenkow, Lisa Martin Wagner wird Fünfte

Hoffnungen auf eine Medaille am Abend hatten sich auch Marcel Böttger und sein Guide Alex Kosenkow über 100 Meter gemacht, doch sie verpassten das Podest um zwei Hundertstelsekunden. In 11,13 Sekunden verbesserten sie aber ihren deutschen Rekord um sieben Hundertstel, sodass sie nicht unzufrieden waren. „Hätte ich eine größere Brust, hätten wir die Medaille vielleicht gepackt. Also muss ich nächstes Jahr noch härter trainieren“, sagte Böttger und Kosenkow fügte hinzu: „Wir haben uns unglaublich verbessert hier, wir waren mittendrin und haben unsere Bestzeit pulverisiert.“

Am Vormittag stieß Lisa Martin Wagner die Kugel auf 10,51 und wurde damit wie bei der WM in Kobe 2024 Fünfte. „Für die gesundheitlichen Vorraussetzungen ist es okay“, sagte die Athletin vom BPRSV aus Cottbus mit Blick auf die vergangenen Tage: „ Es ist weit unter dem geblieben, wo ich eigentlich hätte sein können. Ohne die medizinische Unterstützung wäre ich gar nicht hier, deshalb ist es okay, dass es Platz fünf ist – auch wenn Platz vier von der Weite her möglich gewesen wäre. Nächstes Jahr geht’s weiter.“

400-Meter-Bronzegewinnerin Jule Roß lieferte auch am Tag nach ihrer ersten Medaille ab: Über 200 Meter sicherte sie sich in ihrem fünften Rennen in Neu-Delhi den direkten Einzug ins Halbfinale am Sonntagvormittag und verbesserte dabei ihren deutschen Rekord um sechs Hundertstel auf 25,80 Sekunden. „Ich habe das heute genossen und wollte eine persönliche Bestzeit laufen. Das konnte ich umsetzen und habe jetzt erst mal zwei Tage frei. Dann wird am Sonntag noch mal angegriffen“, sagte die 19-Jährige.

Am Samstag steigt aus deutscher Sicht um 10.45 Uhr Ortszeit nur der Vorlauf von Lindy Ave über 400 Meter, beste Medaillenchancen gibt es am Sonntag: Dann stehen am Abend potenzielle Endläufe für Lindy Ave sowie bei erfolgreicher Qualifikation am Vormittag auch für Léon Schäfer (100 Meter), Jule Roß und Felix Streng (200 Meter) an. Zudem kann Johannes Floors seinen Titel über 400 Meter verteidigen, Felix Krüsemann startet über 1500 Meter.

Weitere Informationen sowie Ergebnisse der Para Leichtathletik-WM gibt es auf World Para Athletics.

Text: Nico Feißt / DBS

Die deutschen WM-Medaillen im Überblick:
Gold: Niko Kappel (Kugelstoßen), Felix Streng (100 Meter), Max Marzillian (400 Meter), Markus Rehm (Weitsprung)
Silber: Léon Schäfer (Weitsprung), Johannes Floors (100 Meter)
Bronze: Andreas Walser (Weitsprung), Jule Roß (400 Meter)

Das deutsche Aufgebot für die deutsche Para Leichtathletik-WM in Neu Delhi (Indien):
Lindy Ave (27 / Neubrandenburg / Leichtathletik inklusiv Greifswald), Marcel Böttger (32 / Kassel / LG Olympia Dortmund), Friederike Brose (18 / Spremberg / BPRSV), Laura Burbulla (20 / Wolfsburg / VfL Wolfsburg), Yannis Fischer (23 / Singen / VfB Stuttgart), Johannes Floors (30 / Bissendorf / TSV Bayer 04 Leverkusen), Francés Herrmann (36 / Cottbus / BPRSV), Niko Kappel (30 / Schwäbisch-Gmünd / VfB Stuttgart), Alexander Kosenkow (Guide von Marcel Böttger; 48 / Tokmak (Kirgistan) / LG Olympia Dortmund), Charleen Kosche (24 / Rheinfelden / BPRSV), Felix Krüsemann (24 / Berlin / RSV Eintracht Stahnsdorf), Lisa Martin Wagner (32 / Bielefeld / BPRSV), Max Marzillier (24 / Rüdersdorf / BPRSV), Katrin Müller-Rottgardt (43 / Duisburg / TV Wattenscheid 01), Lise Petersen (20 / Heide / TSV Bayer 04 Leverkusen), Markus Rehm (37 / Göppingen / TSV Bayer 04 Leverkusen), Jule Roß (19 / Bergisch Gladbach / TSV Bayer 04 Leverkusen), Léon Schäfer (28 / Burgwedel / TSV Bayer 04 Leverkusen), Felix Streng (30 / La Paz/Bolivien / Sprintteam Wetzlar), Kim Vaske (20 / Steinfurt / TSV Bayer 04 Leverkusen), Andreas Walser (29 / Augsburg / LG Augsburg)